Interview mit dem damals wichtigsten Studentenführer: "Wir hätten nie gedacht, dass es so blutig enden würde"
Taipeh Während der Demokratiebewegung 1989 wurde der chinesische Studentenführer Wu'er Kaixi durch eine Auseinandersetzung mit dem damaligen Ministerpräsidenten Li Peng bekannt, die live im Fernsehen übertragen wurde.
Nach dem Massaker konnte Wu'er Kaixi ins Ausland fliehen. Er lebt heute in Taipeh, ist mit einer Taiwanesin verheiratet und hat zwei Söhne. Der 41-Jährige arbeitet heute für eine amerikanische Investmentfirma.
Denken sie heute noch an die Opfer?
Wu'er Kaixi: Schuld ist auf jeden Fall ein starkes Gefühl, mit dem ich umgehen muss. Die Schuld des Überlebenden, die Schuld des Kapitäns, dessen Schiff gesunken ist. Und natürlich Wut, Heimweh und schwindende Hoffnung. Diese Gefühle trage ich seit 20 Jahren. Die Schuld wird so lange andauern, wie ich lebe.
Was erinnern sie von dem Moment, als das Massaker begann?
Wu'er Kaixi: Ich sah, wie die Leute die Straßensperren aufbauten und mit Soldaten redeten. In China gelten die Soldaten der Volksbefreiungsarmee als Kinder des Volkes, genauso wie die Studenten. Die Menschen redeten auf die Soldaten ein, nicht ihre Brüder zu töten. Die Volksbefreiungsarmee war nie als fremde Macht empfunden worden, sondern als Armee des Volkes. Auf wundersame Weise schienen die Straßensperren zu funktionieren, weil die Armee noch nicht richtig mobilisiert oder organisiert war. Die Pekinger glaubten, sie hätten das Militär erfolgreich aufgehalten. Aber als die Truppen den klaren Befehl bekamen und mit Panzern und scharfer Munition vorgingen, waren sie nicht aufzuhalten. Die erste Reaktion, als das Schießen begann, war Empörung. Es war erstaunlich, wie wütend die Menschen waren. Sie waren sehr emotional. Die Kräfte waren nicht vergleichbar, was die Leute aber nicht daran hinderte, zu versuchen sie aufzuhalten. Die Verluste können dann natürlich sehr hoch sein.
Was geschah Ihnen?
Wu'er Kaixi: Ich erinnere mich, als die Kugel herumzischten, spürte ich einen Luftzug an meiner Wange, aber ich konnte nicht sagen, wie nah es war. Aber wenn du den Luftwirbel spürst, weißt Du, das war knapp. Es war beängstigend, als die Armee-Einheiten plötzlich auf Befehl in Formation losmarschierten und anfingen zu schießen. Das macht noch mehr Angst als Panzer. ... Nach den Salven wurden Menschen weggetragen. Mit Lastenfahrrädern wurden die Leute eiligst in Krankenhäuser gefahren. ... Womit wir nie gerechnet hätten, war scharfe Munition. Wir hätten nie gedacht, dass die Niederschlagung so blutig enden würde.
Was waren die Forderungen der Studenten?
Wu'er Kaixi: Die Studentenbewegung von 1989 war eine der am besten organisierten Massenbewegungen der Geschichte. Das Ziel war klar und die Forderungen waren intelligent. Die Bewegung verlief ordentlich. Die Forderung war immer "Dui Hua", was sich mit Dialog übersetzen lässt. Besonders als (der damalige Parteichef) Zhao Ziyang den Begriff einführte, haben wir ihn übernommen und weiter benutzt. Die wortwörtliche Übersetzung von "Dui Hua" ist miteinander reden. Es beschreibt einen gleichberechtigten Dialog. Das war der Kern unserer Forderung. Das Volk hatte sich erhoben und forderte eine gleichberechtigte Beziehung. Bürger Chinas waren in der Vergangenheit immer Untertanen gewesen.
Haben Sie versucht, die Partei zu stürzen?
Wu'er Kaixi: Das erste, das wir Studenten im Dialog erreichen wollten, war die Wahrung des unabhängigen Studentenverbandes, ihn zu legalisieren. Ich meine, dass die Regierung uns nichts tun konnte, uns alleinlässt. Wir wären so etwas wie die polnische Gewerkschaft Solidarität geworden. Das war die Taktik. Es schien gute Aussichten dafür zu geben. Andere Dinge, die wir als Studenten forderten, waren Anti-Korruptionskampf, freie Marktwirtschaft, freie Presse, der Schutz des Eigentums. All das wurde vom chinesischen Volk sehr begrüßt. Zu keinem Zeitpunkt hat es 1989 aber den Versuch gegeben, die Kommunistische Partei zu stürzen.
Hat das Massaker auch dazu geführt, dass das DDR-Regime später von einer solchen "chinesischen Lösung" abgesehen hat?
Wu'er Kaixi: Ich war bereits im Westen, als die Berliner Mauer fiel. Ich verfolgte die Studentenbewegungen in Rumänien und ich erinnere als eine der ersten Slogans "Kein China", womit natürlich "keine chinesische Lösung" gemeint war. China war eines der ersten Dominosteinchen in den größten Veränderungen des späten 20. Jahrhunderts. Und jetzt können wir nicht die Früchte des Wandels ernten.
dpa: Was empfinden Sie dabei?
Wu'er Kaixi: China war der erste unter den kommunistischen Staaten, wo die Reformen begannen - doch steht China heute immer noch aufrecht als kommunistisches Land, während die Berliner Mauer fiel, die Sowjetunion kollabierte und meine Studentenkollegen in Ungarn und Polen Minister oder Parlamentarier wurden. Wir müssen im Exil leben und ich habe meine Eltern seit 20 Jahren nicht gesehen. Es ist ein widersprüchliches Gefühl, vielleicht so etwas wie Neid. Damit will ich ausdrücken, dass die anderen fein raus sind. Mit Vernunft schenken wir ihnen natürlich unsere aufrechten Wünsche. Aber, das Gefühl bleibt: Warum nicht wir?
Später wurde den Studentenführern vorgeworfen, zu weit gegangen zu sein?
Wu'er Kaixi: Das muss ich entschieden zurückweisen. Nach unserer Flucht haben wir Studentenführer im Exil ernsthaft über die Bewegung reflektiert, aber dieser Vorwurf geht wirklich zu weit. Wie ich schon sagte, es war eine sehr rationale Bewegung, worauf wir stolz sein sollten. Heute die Studenten zu beschuldigen, die Regierung in eine Ecke gedrängt zu haben, was zu dem Massaker führte, ist wie dem erschossenen Opfer vorzuwerfen, sich nicht schnell genug geduckt zu haben, anstatt denjenigen zu beschuldigen, der den Abzug betätigte. Dann gibt es noch eine hässlich Seite dieser Art von Beschuldigung, nämlich dass die Welt danach, aus welchen Gründen auch immer, das Gefühl hatte, sich mit den Mördern einlassen zu müssen. Und das ist kein gutes Gefühl, ein Dilemma. Es gibt keinen Grund, an der Unterstützung für die Studenten von 1989 und der Sympathie für die Opfer zu rütteln. Aber hier gab es spezielle Interessen, Profite und andere Gründe, warum die Welt glaubte, den Mördern die Hand schütteln zu müssen.
Wie sehen Sie den Umgang anderer Länder mit Peking?
Wu'er Kaixi: In den vergangenen 20 Jahren hat der Westen eine Gelegenheit verpasst, dass China seine Sprache lernt, sein Vokabular, die Spielregeln der Weltgemeinschaft versteht. Es geschah aus Bequemlichkeit. China blieb praktischerweise weit, weit weg im Osten. Es benahm sich gut, verhielt sich ruhig und spielte die erwartete Rolle als Motor der Welt, als Weltfabrik und als größter Verbrauchermarkt der Erde. ... Aber das konnte nicht immer so bleiben. Die Welt setzt heute auf China, um die Finanzkrise zu bewältigen. China ist nicht mehr das Land, das weit, weit weg ist und das sich gut benimmt. China ist nicht einmal mehr um die Ecke, sondern direkt in eurem Wohnzimmer. Es spricht nicht einmal eure Sprache, sondern fordert euch auf, seine Sprache zu lernen. ...
Haben sich Chinesen von der Politik abgewandt?
Wu'er Kaixi: Es ist schwer, mit verschiedenen Emotionen umzugehen. Furcht ist mit Sicherheit eine davon, purer Druck eine weitere. Dann ist es schwer, mit dem Gefühl der Machtlosigkeit klarzukommen. Es erklärt den Zynismus, der danach in China entstand. Nach 1989 fingen die Leute an, so richtig zynisch zu werden. Die ganze Literatur, die in den frühen 90er Jahren veröffentlich wurde, war sehr, sehr zynisch. Wir lebten im Exil, hatten unseren Kulturschock mit den Freiheiten und der modernen Zivilisation und uns wurde klar, wie wichtig es ist, den Glauben an etwas ernst zu nehmen und starke individuelle Überzeugungen zu haben. Zynismus war für uns völlig verkehrt, deswegen mussten wir das kritisieren. Aber wir verstanden, dass Gründe dafür existierten. Die Menschen wussten nicht, was sie tun konnten. Wir müssen verstehen, dass dies die gleichen Leute waren, die Pekinger, die jeden Tag zum Tian'anmen-Platz gezogen sind, die uns etwas zu essen gebracht haben, und gesagt haben: Wir kommen solange, bis Li Peng (der damalige Ministerpräsident) zurücktritt. Wer heute Videos von damals sieht, würde sagen, toll, was für eine großartige Stadt. Wir waren zuversichtlich wegen dieser Unterstützung. Und jetzt sind diese Leute so zynisch geworden.
Wie sieht es mit den heutigen Studenten aus?
Wu'er Kaixi: Die heutige junge Generation ist in einem anderen Umfeld aufgewachsen. Wir sind in der Kulturrevolution groß geworden. Wir waren eine Generation ideologischer Charaktere. Wir waren idealistisch mit neuen Ideen. ... Die junge Generation heute ist beeinflusst von dem Schatten eines Wertesystems, dass nur nach Geld strebt. Nicht nach vorne schauen, sondern dem Geld nachjagen. dpa: Haben Sie Hoffnung für China? Wu'er Kaixi: Ich wünsche China eine sehr reibungslose Evolution in Richtung Demokratie. Die Chinesen sind sehr beunruhigt, dass China ins Chaos abrutschen könnte. ... Realistisch betrachtet, erscheint es schon wahrscheinlich, dass China einen holprigen Weg in Richtung Demokratie gehen wird. Aber das ist kein Grund, besorgt zu sein. Das chinesische Volk hat schon soviel Angst vor Chaos, dass es eine sehr gute Garantie ist, dass China nicht in Chaos versinkt... Die Holperstrecke zu vermeiden, hat uns schon soviel mehr gekostet, als wenn wir sie tatsächlichen entlang gegangen wären.
Die Fragen stellte Andreas Landwehr
RZO
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